Unermesslich reich - ein Erfahrungsbericht
Es versprach ein
netter Abend zu werden. Interessante Menschen mit interessanten
Berufen. Rotwein, Sofa, Häppchen.
Nur der Grund
warum sich sich trafen, war etwas ominös. Sie sollten ihre eigenen
Särge machen.
Särge! Sie haben
richtig gelesen. Ihre eigenen.
Ziel des Abends
war, sich damit auseinanderzusetzen, was sie denn wollten. Eine Idee
zu finden, die ganz die eigene ist. Und natürlich um die Anderen,
ebenfalls mutig Verwirrten kennenzulernen. Es war nicht direkt für
ihre bald anstehende Beerdigung, sondern für die Lange Nacht der
Museen.
Sie hatten eines
gemeinsam: Der Tod war ihnen nicht fremd.
Sie begegnen ihm
tagtäglich in ihrer Arbeit. Als Sterbegebegleiterin, als Steinmetz,
als Friedhofsgärtner, als Kripobeamtin, als Ruheforstbetreiber, als
Aufnahmeleiterin in einem Pflegeheim, als Leiter eines Krematoriums.
Aber es waren
immer andere, die starben. Der Tod ist ihr Beruf. Sie verdienen
ihren Lebensunterhalt mit ihm. Wenn er nicht wäre, wären die Heime
überfüllt. Ohne ihn hätten wir keine Friedhöfe, Hospize, keine
Grabsteine, keine Trauerkränze und schon gar keine Krematorien.
Sympathisch ist
er ihnen dennoch nicht. Sie haben sich arrangiert, aber bei weitem
nicht angefreundet.
Und nun sollten
sie sich ganz gegenständlich auf ihre höchstpersönliche, eigene
Begegnung mit ihm vorbereiten.
Der Abend war
erstaunlich heiter. Es vielen Worte wie: Bunt. Sinnlich.
Ausdrucksstark. Lebendig. Freundlich. Orgasmus – der kleine Tod.
Friedlich. Gemütlich. Originell. Schlicht aber elegant. Stilvoll.
Nichts war da von
Betretenheit. Der begegneten sie erst später. In ihren Gesprächen
mit Familie und Freunden, die sie entweder als vollkommen
durchgeknallt empfanden oder ganz mutig. Manche ließen sie nicht
darüber reden, andere konnten nicht aufhören. Sie hörten Sätze wie:
„Du und dein Sarg, bleib mir bloß weg damit!", aber auch „Ich hätte
Lust auch meinen eigenen Sarg zu machen."
Lust auf Sarg?
Wir werden immer schräger.
Und dennoch
irgendwie war es Lust. Es war eine tiefe Begegnung mit dem
unglaublich wertvollen Gegenwärtigen und dem Wissen, dass all dies
einmal endet. Eine Vorbereitung auf den Trennungsschmerz, in sich
und auch in den Anderen. Und damit verbunden war eine Wertschätzung
dem Leben und der eigenen Person gegenüber.
Für sie war diese
Auseinandersetzung eine Begegnung mit dem Wesentlichen. Mit dem, was
sie über das Leben und den Tod dachten, mit dem was ihnen wichtig
war, mit dem was sie zum Lachen brachte, mit dem was sie rührte.
Sie sind gelöster
jetzt wo sie wissen, wie sie reisen wollen, auch wenn sie nur ahnen
können, wohin es geht.
Und in diesem
Prozess haben sie vieles an sich entdeckt:
Was ihnen
wirklich wichtig ist. Was sie trägt und hält. Was sie nicht mehr
brauchen. Wie unermesslich reich sie sind. Eine Leichtigkeit und
Heiterkeit.
Und eine Hoffnung darauf, dass
der Tod ein wenig ist wie das Leben: Gnädiger, wenn man
ihm mit einem Lächeln begegnet.
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